Grüne Lösungen gefragt

Dr. Heiner Pollert | 04.04.2020 | AirCoating Technologies , Patentpool Group

Grüne Lösungen gefragt: Trotz schlechter Ökobilanz boomt die Kreuzfahrtbranche und 95 Prozent des globalen Handels erfolgen gegenwärtig auf dem Seeweg. Im Vergleich zur Automobilbranche jedoch steht die Schifffahrtindustrie bei der Reduktion von Schadstoffen kaum unter Druck. Wie lassen sich Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz dennoch vereinbaren?

Einhergehend mit der ökonomischen Relevanz der Schifffahrt der vergangenen Jahre hat auch das Ausmaß an umweltschädlichen Emissionen zugenommen. Bis 2050 sieht die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) zwar eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 50 Prozent im Vergleich zu den Werten von 2008 vor, doch innerhalb der Branche bezweifelt die Mehrheit, dass sich dieses Ziel noch umsetzen lässt. Ökofreundliche Treibstoffe, Abgasfiltersysteme und alternative Antriebe – erkennbare Lösungen für umweltfreundlichere Alternativen existieren auch bereits im Bereich der Schifffahrt, doch mangelt es hierzulande überwiegend an der gezielten Förderung innovativer Ideen. Um die angesetzten Klimaziele zu erreichen, liegt die Verantwortung nicht allein bei den Reedereien, die nachhaltige Lösungen bereits schrittweise umsetzen.

Lösung: Vorbild Natur

Eine umweltfreundliche bioinspirierte Methode zur Reduktion des Schadstoffgehalts könnte sich auch daraus ergeben, dass man sich die Natur zum Vorbild nimmt: Salvinia molesta gehört zur Familie der Schwimmfarngewächse und besitzt auf seiner Blattoberfläche einen Besatz von kleinen Härchen, die mit einer wasserabweisenden Wachsschicht überzogen sind. Dabei halten die Spitzen das Wasser auf ihrer Oberfläche fest. So hüllen sie den Farn in eine Luftschicht, die nicht entweichen kann. Dieses Prinzip lässt sich auch auf Schiffe übertragen: Mithilfe einer angebrachten Folie nach dem Vorbild des Farns legt sich eine permanente Luftschicht über die Oberfläche des Rumpfs, womit das Schiff nicht mehr gegen Wasser, sondern gegen die Luftschicht reibt.

Neben einem verringerten Energieverbrauch und Schadstoffausstoß wirkt sie auch dem sogenannten Fouling am Rumpf entgegen. Bedingt durch den dauerhaften Kontakt mit Salzwasser kommt es dabei nämlich neben der Korrosion des betroffenen Materials auch zum Bewuchs des Schiffsrumpfs mit kleinen Organismen wie etwa Muscheln und Seepocken. Dadurch entstandenes Fouling führt wiederum zu einem erhöhten Wasserwiderstand, der nicht nur die Fahrt verlangsamt, sondern auch einen erheblichen zusätzlichen Treibstoffverbrauch verursacht. Konventionelle Antifouling-Beschichtungen beheben zwar das Problem der Ablagerungen, jedoch um einen hohen Preis: Es handelt sich hierbei aufgrund der sehr giftigen Stoffe in den Lacken um keine ökologische Lösung.

Branchenübergreifende Chance

Innovative Technologien wie die Folierung des Schiffsrumpfes bieten zahlreiche Vorteile, die die Faktoren Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden. Neben einer Investition in den Umweltschutz schafft das Beschichtungsverfahren durch einen verringerten Energieaufwand sowie einen niedrigen Wartungsaufwand auch Anreize für die Reedereien und wirkt sich somit positiv auf die Wirtschaftlichkeit aus. Zugleich handelt es sich aber nicht um eine rein auf den Umweltschutz und die Schifffahrt bezogene Lösung, bieten sich doch darüber hinaus auch für andere Branchen Chancen: Durch den Einsatz der Oberflächenbeschichtungstechnik ließen sich Energieeinsparungen, Effizienzgewinne und optimierte Industrieabläufe beispielsweise auch in Rohrleitungen, Trinkwasseranlagen, Pipelines oder Chemiereaktoren erzielen. Somit liefern Innovationen wie das Beschichtungsverfahren auch Perspektiven, die weit über ihren ursprünglichen Einsatzzweck hinausgehen.

Politik in der Verantwortung

In Deutschland existiert durchaus ein Nährboden für innovative nachhaltige Technologien, wie das genannte Beispiel demonstriert. Nun geht es darum, diesen fruchtbar zu machen – wären da nicht die bürokratischen Schranken, die den deutschen Innovationsfluss unnötig behindern. Dies zeigt sich sowohl bei der Förderung von Innovationen als auch bei der Unterstützung zur Implementierung nachhaltiger Lösungen gleichermaßen – zu zögerlich verhält sich die Politik bei der gezielten Schaffung zukunftsträchtiger Maßnahmen. Zwar existieren bereits Bestrebungen auf politischer Ebene zur Reduzierung des Schadstoffgehalts von Schiffen wie beispielsweise die am 1. Januar 2020 in Kraft getretene Auflage durch die IMO, die eine Reduktion des Schwefelgehalts in Schiffstreibstoffen von vorher 3,5 auf 0,50 Prozent vorsieht, jedoch sind alle anderen Schadstoffe davon ausgenommen.

Damit liegt der neue Richtwert aber immer noch 500-mal höher als der im Straßenverkehr erlaubte Gehalt an Schwefel. Die Grundlage für die Wende in der Schifffahrt existiert bereits, jetzt besteht nachhaltiger Handlungsbedarf: verstärkt gesetzliche Rahmenbedingungen festlegen und wirtschaftliche Anreize schaffen – und dies auf internationaler wie nationaler Ebene gleichermaßen.

Quellen

Autorenbeitrag | Dr. Heiner Pollert, CEO Patentpool Group